Anleitung zur strukturierten Interpretation
Ein systematisches Vorgehen (angelehnt an den sogenannten "Boston-Ansatz") reduziert das Risiko, eine zweite oder unerwartete Störung zu übersehen. Diese Reihenfolge ist auch die, nach der die App selbst intern auswertet – die folgenden Schritte erklären also zugleich, wie ein Ergebnis dieser App zustande kommt.
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Kritische Werte zuerst – unabhängig von allem anderen
Vor jeder inhaltlichen Interpretation: Liegt ein Wert im lebensbedrohlichen Bereich (z.B. pH, Kalium, Glucose, Laktat)? Diese Prüfung läuft immer als eigener, unabhängiger Schritt – ein fehlender oder unauffälliger anderer Wert darf eine kritische Kalium- oder pH-Warnung niemals verdecken. Bei einem kritischen Befund hat die unmittelbare klinische Reaktion Vorrang vor der weiteren systematischen Auswertung.
Quellen: acutecaretesting.org (Radiometer)
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Probenart klären: arteriell oder venös?
Venöses pH liegt normal etwa 0,03–0,04 niedriger, venöses pCO2 etwa 3–8 mmHg höher als simultan entnommenes arterielles Blut – wird das nicht berücksichtigt, entstehen falsch-positive Säure-Basen-Befunde. pO2/SaO2 aus einer venösen Probe erlauben zudem keine Aussage zur Oxygenierung. Ohne bekannte Probenart ist jede weitere Auswertung auf Sand gebaut.
Quellen: PubMed Central (PMC), acutecaretesting.org (Radiometer)
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Richtung des pH bestimmen
Liegt eine Azidose (pH erniedrigt), eine Alkalose (pH erhöht) oder ein formal normaler pH vor? Das ist der Ausgangspunkt jeder weiteren Einordnung – aber Vorsicht: ein normaler pH schließt eine Störung nicht aus (siehe Schritt 8).
Quellen: Deranged Physiology
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Primärstörung identifizieren
Welche Größe – pCO2 (respiratorisch) oder HCO3 (metabolisch) – bewegt sich in dieselbe Richtung wie der pH? Diese Größe bestimmt die Primärstörung. Bewegen sich pCO2 und HCO3 gleichzeitig in die pH-verschlechternde Richtung, liegt per Definition eine gemischte Störung vor – eine Kompensation wirkt immer gegenläufig zur Primärstörung, niemals in dieselbe Richtung.
Quellen: Deranged Physiology
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Kompensation prüfen
Passt die jeweils andere Größe zum erwarteten Kompensationsband (z.B. Winter-Formel bei metabolischer Azidose, akute/chronische Bänder bei respiratorischen Störungen)? Liegt sie deutlich außerhalb, spricht das für eine zusätzliche (gemischte) Störung – liegt sie nur knapp außerhalb, kann das auch eine (noch) nicht vollständig ausentwickelte Kompensation sein. Aus einer Einzel-BGA lässt sich zudem nicht ableiten, ob eine respiratorische Störung akut oder chronisch verläuft – ohne weitere klinische Information bleiben beide Zeiträume möglich.
Quellen: MDCalc, Time of Care, Deranged Physiology
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Anion Gap berechnen (bei metabolischer Azidose)
Anion Gap = Na⁺ − (Cl⁻ + HCO3⁻). Eine erhöhte Anionenlücke spricht für zusätzliche, normalerweise nicht gemessene Säuren (Ketone, Laktat, Toxine, Urämie-Anionen), eine normwertige Anionenlücke für einen Bikarbonatverlust bzw. Chlorid-Überschuss (z.B. Diarrhoe, renal-tubuläre Azidose). Bei erniedrigtem Albumin kann eine erhöhte Anionenlücke rechnerisch maskiert werden – eine Albumin-Korrektur macht das sichtbar. Die Delta-Ratio hilft zusätzlich, eine reine Hochanionenlücken-Azidose von einer kombinierten Störung zu unterscheiden.
Quellen: MDCalc, StatPearls / NCBI Bookshelf, EMCrit – Internet Book of Critical Care (IBCC)
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Oxygenierung beurteilen (nur arteriell)
Mit bekanntem FiO2 lässt sich die P/F-Ratio (PaO2/FiO2) berechnen und nach den Berlin-ARDS-Kriterien einordnen (≤300 mild, ≤200 moderat, ≤100 schwer). Der A-a-Gradient hilft zusätzlich, eine Hypoxämie durch Diffusionsstörung/Shunt von einer reinen Hypoventilation zu unterscheiden. Ohne FiO2 ist keine belastbare Aussage möglich – ein isolierter pO2-Wert allein sagt wenig.
Quellen: Life in the Fast Lane (LITFL) – Critical Care Compendium, StatPearls / NCBI Bookshelf
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Klinischen Kontext einbeziehen und Grenzen der Methode erkennen
Ein formal normaler pH bei gleichzeitig abnormalen Gaswerten (z.B. pCO2 und HCO3 beide erhöht) ist aus einer Einzel-BGA nicht sicher zu deuten: Es kann eine vollständig kompensierte Störung sein – oder zwei gegenläufige Störungen, die sich zufällig aufheben (das klassische Beispiel ist eine Salicylatvergiftung, die gleichzeitig eine respiratorische Alkalose und eine metabolische Azidose auslöst). Ohne weiteren klinischen Kontext sollte ein solches Muster explizit als klärungsbedürftig behandelt werden, nicht als „alles in Ordnung“ interpretiert werden.
Quellen: Deranged Physiology
Selbst üben
Im Quiz lässt sich dieses Vorgehen an 23 realen, extern beurteilten BGA-Fällen üben – inklusive eines direkten Vergleichs zwischen der Einschätzung der Quelle und der Berechnung dieser App.
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